Was Projektteams vor der IDP-Entscheidung wirklich klären müssen
Die Entscheidung für eine Intelligent Document Processing Software fällt selten aus dem Bauch heraus. In den Projekten, die wir begleiten, ist sie meist der Endpunkt einer längeren Reise: erste Automatisierungsversuche, wachsende Dokumentenmengen, steigende Erwartungen aus den Fachbereichen – und irgendwann die klare Erkenntnis, dass klassische OCR oder regelbasierte Ansätze nicht mehr ausreichen.
Kurz vor der Auswahl einer IDP-Lösung stellen sich Projektteams viele Fragen. Manche sind technisch, andere organisatorisch – und einige werden leider oft zu spät gestellt. Dieser Artikel bündelt typische Diskussionen, Unsicherheiten und Lessons Learned aus realen Projekten rund um die Auswahl einer IDP-Lösung.
Der Ausgangspunkt: Warum wollen wir überhaupt Intelligent Document Processing einsetzen?
Bevor Tools verglichen oder Anbieter bewertet werden, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf den eigenen Antrieb. In vielen Projekten ist der initiale Wunsch klar formuliert: weniger manuelle Erfassung, schnellere Prozesse, höhere Datenqualität. Doch diese Ziele sind abstrakt – und führen ohne Konkretisierung schnell zu falschen Erwartungen.
Entscheidend ist die Frage, welches Problem IDP konkret lösen soll:
- Geht es um die automatisierte Dokumentenerfassung großer Volumina?
- Um die zuverlässige Dokumentenklassifikation bei hoher Dokumentenvielfalt?
- Oder um strukturierte Datenextraktion als Input für nachgelagerte Workflows und Fachanwendungen?
Je klarer diese Zielbilder sind, desto realistischer lässt sich später bewerten, ob eine Lösung wirklich passt – und wo ihre Grenzen liegen.
Fachliche Anforderungen: Wo IDP Mehrwert schafft – und wo nicht
Nicht jeder dokumentenbasierte Prozess ist automatisch ein guter IDP-Kandidat. In der Praxis zeigt sich: IDP lohnt sich besonders dort, wo hohe Aufwände bei der Erfassung oder Interpretation von Dokumenten entstehen. Das ist oft der Fall, wenn es entweder a) ein hohes Verarbeitungsvolumina gibt, b) eine hohe Variabilität im Dokumenteneingang zu finden ist oder c) der Vorgang eine hohe Komplexität vorweist.
Typische geeignete Use Cases sind:
- Eingehende Dokumente mit wechselnden Layouts, Formaten und Inhalten (Variabilität)
- Kombination aus strukturierten, halbstrukturierten und unstrukturierten Dokumenten (Variabilität, Komplexität)
- Prozesse, bei denen Klassifikation und Extraktion gemeinsam betrachtet werden müssen (Variabilität, Komplexität)
- Anwendungsfälle, bei denen hohe Dokumentenvolumen in kurzer Zeit verarbeitet werden müssen (Verarbeitungsvolumina)
- Prozesse, bei denen komplexe Dokumente geprüft und weiterverarbeitet werden müssen (Komplexität)
TIPP
Weniger geeignet sind Szenarien mit vollständig standardisierten Formularen oder Szenarien mit sehr geringen Volumina bei gleichzeitig geringer Komplexität. Hier sind klassische OCR- oder Formularlösungen oft effizienter – und günstiger.
Ein häufiger Fehler in Projekten ist die Erwartung, dass Intelligent Document Processing „alles automatisch erkennt“. In der Realität ist IDP kein Selbstläufer, sondern ein lernendes System, das von klar definierten fachlichen Anforderungen profitiert.
Technische Realität: Integration schlägt Funktionsvielfalt
In Tool-Demos wirken viele IDP-Plattformen beeindruckend ähnlich. In Projekten trennt sich die Spreu vom Weizen jedoch meist bei der Integration.
Zentrale Fragen, die Projektteams klären sollten:
- Wie fügt sich die Lösung in bestehende Dokumentenmanagement-Systeme (DMS) ein?
- Gibt es saubere Schnittstellen zu Workflow-Engines, Fachanwendungen oder KI-Agenten?
- Lassen sich Klassifikation und Extraktion als Services in bestehende Geschäftsprozessautomatisierung integrieren?
Eine leistungsfähige IDP-Lösung nützt wenig, wenn sie isoliert arbeitet oder nur mit hohem Customizing-Aufwand angebunden werden kann. Aus Projektsicht ist oft nicht die KI-Qualität allein entscheidend, sondern die Reibungslosigkeit im Gesamtsystem.
OCR, KI und Machine Learning: Was sich in Projekten wirklich bewährt
Moderne IDP-Lösungen kombinieren klassische OCR mit KI- und Machine-Learning-Ansätzen. Der praktische Mehrwert zeigt sich jedoch nicht in einzelnen Algorithmen, sondern im Zusammenspiel.
In realen Projekten beobachten wir insbesondere drei Effekte:
- Stabilerer Automatisierungsgrad
Machine Learning gleicht Layoutänderungen, neue Dokumenttypen und inhaltliche Variationen deutlich besser aus als starre Regeln. - Besserer Umgang mit Dokumentenvielfalt
KI-basierte Texterkennung erkennt Zusammenhänge, nicht nur Textpositionen – ein klarer Vorteil bei eingehenden Dokumenten aus externen Quellen. - Kontinuierliche Verbesserung im Betrieb
Systeme, die Feedback aus der manuellen Nachbearbeitung aufnehmen, werden über Zeit messbar robuster.
Wichtig ist dabei: Machine Learning im Dokumentenmanagement entfaltet seinen Nutzen nicht einmalig, sondern über den laufenden Betrieb hinweg.
Betrieb und Skalierung: Ein oft unterschätzter Erfolgsfaktor
Viele Projektteams fokussieren sich stark auf die Einführungsphase – und zu wenig auf den späteren Betrieb. Dabei entscheidet sich der Erfolg einer IDP-Lösung oft genau dort.
Fragen, die früh geklärt werden sollten:
- Wie aufwendig ist das Nachtrainieren von Modellen?
- Wer übernimmt fachliche Qualitätssicherung im laufenden Betrieb?
- Wie skaliert die Lösung bei steigenden Dokumentenvolumina oder neuen Use Cases?
Mit Cloud- und SaaS-Modellen verändert sich der Betrieb einer IDP-Lösung spürbar. Viele Themen bleiben gleich, aber einige werden deutlich einfacher – und ein paar neue kommen hinzu.
Statt selbst Server zu betreiben, skaliert die Plattform automatisch mit. Lastspitzen werden abgefangen, ohne dass vorab Hardware beschafft werden muss. Auch Updates, Sicherheitspatches und Überwachung übernimmt der Anbieter, wodurch sich die interne IT stärker auf Governance, Sicherheit und Integration konzentrieren kann.
Wichtig wird im Cloud-Betrieb vor allem der Umgang mit Daten: Welche Dokumente dürfen in die Cloud? Wo liegen sie? Wie werden Trainingsdaten geschützt? Moderne Plattformen bieten hierfür Verschlüsselung, Tenant-Isolation und – falls nötig – hybride Modelle, bei denen sensible Daten im Unternehmen bleiben.
Auch die Integration verändert sich: Cloud-IDP lässt sich häufig schneller an DMS, Workflows oder RPA-Plattformen anbinden. Gleichzeitig braucht es klare Architekturentscheidungen, damit Datenflüsse, Regulatorik und Schnittstellen sauber geregelt sind.
Kurz gesagt: Cloud vereinfacht viel, bringt aber neue Fragen mit – besonders rund um Daten, Sicherheit und Integration.
Lessons Learned aus Projekten: Was wir heute anders machen würden
Einige Erkenntnisse tauchen in fast jedem IDP-Projekt wieder auf:
- Zu große Use Cases am Anfang bremsen
Besser klein starten, lernen und dann ausbauen. - Fachbereiche früh einbinden
Ihre Rückmeldungen sind essenziell für Training und Qualität. - Automatisierungsgrad nicht absolut denken
80 % automatisiert und stabil ist oft wertvoller als 95 % mit hohem Pflegeaufwand. - Integration von Anfang an mitdenken
IDP ist kein Inselsystem, sondern Teil der Prozesslandschaft.
Diese Punkte klingen banal, werden aufgrund von Projektdruck aber erstaunlich oft ignoriert.
Einordnung: Warum Erfahrung bei der Auswahl einer IDP-Lösung entscheidend ist
Die Auswahl einer IDP-Lösung ist keine reine Tool-Entscheidung. Sie ist eine Kombination aus fachlicher Klarheit, technischer Passung und realistischen Erwartungen an KI-gestützte Automatisierung.
Wir helfen dabei, diese Perspektiven zusammenzuführen – nicht durch Produktvergleiche, sondern durch strukturierte Analyse, realistische Use-Case-Bewertung und saubere Einbettung in bestehende IT- und Prozesslandschaften.
Eine sachliche Übersicht zum Thema intelligente Dokumentenerfassung und -klassifikation findet sich hier:
https://eim.it-novum.com/dokumentenmanagement/intelligente-dokumentenerfassung-klassifikation/
Am Ende gilt: Intelligent Document Processing entfaltet seinen Wert nicht durch Versprechen, sondern durch saubere Entscheidungen – vor, während und nach der Einführung.