Nicht jeder Prozess braucht einen KI-Agenten

Inhalt

Agenten nur dort, wo sie passen

Das Gespräch kennen wir aus vielen Projekten. Die erste Frage im Workshop lautet: „Können wir das mit einem KIAgenten lösen?“ Der Prozess dahinter ist ein strukturierter Genehmigungsworkflow mit stabilen Regeln und sauberen ERPDaten. Ein Agent wäre hier das falsche Werkzeug – teurer, schwerer zu kontrollieren und schlechter nachvollziehbar als eine klassische WorkflowAutomation. 

Gleichzeitig haben wir Projekte gesehen, in denen klassische Automatisierung an ihre Grenzen stieß: ReklamationsEMails in fünf Sprachen, heterogene Dokumentenmappen, Entscheidungen mit hohem Kontextbezug. Dort reicht regelbasierte Logik nicht aus. 

Unsere Erfahrung aus der Praxis zeigt klar: Nicht jeder Use Case braucht KI. Und schon gar nicht jeder Prozess einen autonomen Agenten. Der größte Nutzen entsteht dort, wo klassische Automatisierung, KIgestützte Schritte und agentische Komponenten bewusst kombiniert werden – orientiert an Datenstruktur, Varianz und Governance.  

Klassische Automatisierung: stabil, transparent, bewährt

Klassische Automatisierung basiert auf klar definierten Abläufen, festen Regeln und strukturierten Daten. Der Prozess ist deterministisch beschrieben. Wenn Bedingung X erfüllt ist, folgt Aktion Y. Der Weg durch den Prozess ist vorgegeben. 

In der Praxis wird dieser Ansatz heute oft über Low-Code Prozessautomatisierung umgesetzt. Ein führender Workflow orchestriert Aufgaben, Systeme und Datenquellen. Das ist robust, nachvollziehbar und gut skalierbar. 

Klassische Automatisierung spielt ihre Stärken aus, wenn Regeln stabil sind und Eingaben strukturiert vorliegen. Sie ist auditierbar und gut steuerbar. An ihre Grenzen stößt sie dort, wo Freitext, Dokumente, Sprache oder Sonderfälle dominieren.  

KI‑gestützte Automatisierung: Prozesse verstehen lernen

KIgestützte Automatisierung erweitert den klassischen Workflow um Interpretationsfähigkeit. Der Prozess bleibt führend. KI liefert Informationen, Bewertungen oder Entscheidungsvorschläge. 

Typisch ist der Einsatz bei EMails, Dokumenten oder Sprache. Inhalte werden automatisch analysiert, relevante Daten extrahiert und strukturiert bereitgestellt. Der Workflow nutzt diese Ergebnisse, um den nächsten Schritt auszuführen. Mehr dazu: KI-gestützte Prozessautomatisierung. 

Der Effekt ist deutlich. HumanintheLoopSchritte lassen sich reduzieren oder gezielt absichern. Der Automatisierungsgrad steigt, ohne dass Kontrolle oder Transparenz verloren gehen. 

Agentische Automatisierung: Autonomie mit klaren Grenzen

Agentische Automatisierung geht einen Schritt weiter. Statt einen Ablauf vollständig vorzugeben, wird ein Ziel definiert. Der Agent entscheidet selbst, welche Schritte notwendig sind, um dieses Ziel zu erreichen. 

Das ist sinnvoll bei hoher Varianz, unscharfen Regeln und starkem Kontextbezug. Typisch sind Situationen, in denen Entscheidungen nicht eindeutig regelbasiert getroffen werden können. Einordnung und Praxisbeispiele: Agentische Automatisierung. 

Entscheidend ist die Governance. Agenten benötigen klare Leitplanken. Aufgabenbereich, erlaubte Systeme, Eskalationen und Entscheidungsgrenzen müssen explizit definiert sein. In der Praxis bewährt sich Bounded Autonomy: Agenten übernehmen klar abgegrenzte Subprozesse innerhalb eines führenden Workflows.  

Vergleich: Welcher Ansatz passt?

Nachfolgend eine bewusst reduzierte Gegenüberstellung der drei Ansätze entlang der entscheidungsrelevanten Kriterien. 

Kriterium
Klassische Automatisierung
KI-gestützte Automatisierung
Agentische Automatisierung
Prozesssteuerung
Vollständig regelbasiert
Workflow führt, KI unterstützt
Zielorientiert, adaptiv
Datentypen
Strukturiert
Strukturiert und unstrukturiert
Kontext, Historie, Varianz
Entscheidungslogik
Wenn‑dann‑Regeln
Interpretation plus Regeln
Kontextabhängig
Varianz
Gering
Mittel
Hoch
Governance‑Bedarf
Niedrig
Mittel
Hoch

Diese Tabelle beantwortet die Kernfrage vieler Projekte: Wo reicht klassische Automatisierung – und wo lohnt sich mehr Autonomie? 

grafik artikel nicht jeder prozess braucht einen ki agenten
Reklamationsbearbeitung: drei Automatisierungsansätze im Vergleich

Praxisbeispiel: Reklamationsbearbeitung

Ein Reklamationsprozess zeigt die Unterschiede besonders deutlich. 

In einer klassisch automatisierten Ausprägung werden strukturierte Eingaben geprüft, Regeln angewendet und Entscheidungen getroffen. Freitext oder EMails erfordern manuelle Sichtung. 

Mit KIgestützter Automatisierung werden EMails und Dokumente automatisch interpretiert. Produkt, Schadensart und fehlende Informationen werden erkannt. Der Workflow nutzt diese Daten, um Entscheidungen vorzubereiten oder automatisch zu treffen. 

In einer agentischen Ausprägung übernimmt ein Reklamationsagent die Bearbeitung komplexer Fälle. Er greift lesend auf ERP, CRM und DMS zu, formuliert Antwortvorschläge und stößt Folgeprozesse an. Rechtsverbindliche Entscheidungen bleiben beim Menschen.  

Unsere Empfehlung aus der Praxis

Automatisierung funktioniert nicht nach dem Prinzip „mehr KI ist besser“. Klassische WorkflowAutomation bildet das stabile Fundament. KIgestützte Automatisierung erschließt unstrukturierte Inhalte. Agenten gehören gezielt dorthin, wo Regeln enden und Kontext beginnt. 

Wer Agenten ohne klare Leitplanken einsetzt, automatisiert Risiken.  

Leitplanken für erfolgreiche Automatisierung

Erfolgreiche Automatisierungsprojekte folgen klaren Prinzipien. Der Prozess kommt vor der Technologie – die Wahl des Ansatzes ergibt sich aus dem Problem, nicht aus der Plattform. Erfolg wird messbar gemacht, etwa über Durchlaufzeiten oder Fehlerquoten, damit Verbesserungen sichtbar bleiben. Governance wird von Anfang an mitgedacht, nicht nachträglich ergänzt. HumanintheLoop bleibt dort bestehen, wo rechtliche oder kritisch relevante Entscheidungen getroffen werden. Der Einstieg erfolgt klein und fokussiert – die Architektur wird von Beginn an skalierbar gedacht.  

Fazit: Kombination schlägt Hype

Automatisierung ist kein Entweder‑oder. Die besten Ergebnisse entstehen durch die bewusste Kombination von klassischer Workflow‑Automation, KI‑gestützter Prozessautomatisierung und gezielt eingesetzten Agenten. Agenten sind kein Selbstzweck. Sie sind ein Werkzeug für genau die Stellen im Prozess, an denen Regeln nicht mehr ausreichen.

Wenn Sie prüfen möchten, welcher Ansatz für Ihre Prozesse sinnvoll ist, können Sie je nach Ausgangslage mit einem kompakten Quickcheck oder einem vertiefenden Workshop starten.

FAQ

Wenn Daten strukturiert vorliegen und Regeln stabil sind, ist klassische Workflow-Automation effizient und gut kontrollierbar.

KI interpretiert unstrukturierte Inhalte und liefert Entscheidungsgrundlagen. Der Prozess bleibt regelbasiert.

Bei hoher Varianz, Kontextabhängigkeit und dynamischen Entscheidungen – mit klarer Governance.

Agenten handeln autonom innerhalb klar definierter Grenzen und übernehmen abgegrenzte Aufgaben.

Ja. Besonders bei rechtlichen, finanziellen oder kritischen Entscheidungen.

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